Herzbestattung - Geschichte und BedeutungMit Menschenherzen wurden seit Urzeiten magische, mystische, grausam- bizarre, pompöse, melancholische, romantische, sentimental-kitschige und exzentrische Riten vollführt. In der Poesie bleiben Liebe und Leben über den Tod hinaus mit dem klopfenden Herzen verbunden; so schlägt es in Goethes "Herz, mein Herz, was soll das geben, was bedränget dich so sehr" im pulsierenden Rhythmus der Vertonung Beethovens. Daran änderte auch der medizinische Fortschritt, der mit der Entdeckung des Blutkreislaufs durch William Harvey 1628 begann, wenig. Er entzauberte das Herz, das für ihn die kraftspendende Sonne im Mikrokosmos des Körpers blieb, durch die Beschreibung seiner Bewegungen keineswegs. Die wunderbare, zappelnde Unruh im Uhrwerk des Körpers, wie es später die kartesianischen Mediziner im Blick auf den göttlichen Mechaniker interpretierten, stellt auch moderne Herzchirurgen und Kardiologen immer wieder vor neue Rätsel. Deren Beitrag zur "Herzbestattung" ist die bisher konsequenteste Form, den Tod aufzuhalten: Das lebendige Herz eines Toten einem lebenden Menschen eingesetzt, erhält diesen für eine weitere Zeitspanne am Leben. Bereits der steinzeitliche Jäger deutete das Hämmern in seiner Brust in der Erregung des Kampfes, in Freude und Trauer als das Lebenszeichen schlechthin; er wußte, daß der pulsierende rote Strom aus der Brust seines Beutetiers, aber auch seines besiegten Gegners das Ende des Lebens anzeigte (Abb. 1). Für die Bewohner des Zweistromlandes, die alten Griechen und später die Etrusker und Römer, besonders aber für die alten Ägypter war das Herz das zentrale Organ, es galt als der Sitz des Gemüts, des Charakters und sogar der Seele. Diese Auffassung wurde ganz selbstverständlich vom Judentum und dem frühen Christentum übernommen, und es bedurfte erst des Konzilbeschlusses von Vienne (1311) zur Klarstellung, daß die Seele im ganzen Körper und nicht nur im Herzen des Menschen beheimatet sei. Der Mystiker Konrad von Megenberg vertrat noch vierzig Jahre später in seinem "Buch der Natur" den Kompromiß, die Seele sei halb im Herzen, halb im Gehirn verborgen. Bis heute hat sich das Abendland nicht von der Überzeugung der Pharaonen und ihrer Untertanen trennen können, daß das Herz für den ganzen Menschen stehe. Kein Substantiv wird, wie Marcel Reich-Ranicki meint, zumindest von den Europäern so häufig und in so vielen Verbindungen gebraucht wie das Wort "Herz". Unzählige Werke von Schriftstellern und Dichtern beschäftigen sich mit diesem Thema, und kein nichtgeometrisches Symbol, vielleicht vom Kreuz abgesehen, wird so oft in Kunst, Architektur, Grafik, Werbung und Dekoration benutzt. wie das rote Herzsymbol. Der Wunsch, das Herz möge nach dem Tod an einem Ort bestattet werden - ja vielleicht sogar weiterleben -, der dem Verstorbenen besonders viel bedeute oder ihm besonders lieb war, führte zu dem merkwürdigen Brauch der getrennten Herzbestattung. Sie war bei den Mächtigen und Reichen, vor allem im Abendland, über viele Jahrhunderte üblich. Insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert waren Herzbestattungen wesentlich häufiger, als es in der spärlich vorhandenen Literatur angenommen wird. Es gab allerdings auch zahlreiche Adlige, die ausdrücklich bestimmten, daß sie ungeteilt bestattet werden wollten. Das Begräbnis des aus dem Körper herausgenommenen Herzens war kein männliches Privileg, bereits im 12. und 13. Jahrhundert wurden Frauenherzen, besonders in England, getrennt vom Leichnam begesetzt, insgesamt etwa ein Drittel aller Herzbestattungen. Die erste große Welle dieses Funeralritus geschah im Europa des 13. Jahrhunderts, besonders in England, die zweite im 17. und 18. Jahrhundert. Mit den ersten beiden Herzbegräbnissen nach dem Jahrtausendwechsel, den Herzen des Ehepaars Regina und Otto von Habsburg (2010 und 2011) hat diese Sitte wohl ihr Ende gefunden. Dieser Brauch verkörpert besonders eindrucksvoll die eigenartige Faszination die das Herz, dieses so einzigartig fühlbare Organ, dessen Tod früher mit dem leiblichen Tod gleichgesetzt wurde, auf den Menschen bis heute ausübt. (Der Text entstammt dem Buch "Ewige Herzen - Kleine Kulturgeschichte der Herzbestattungen" von Armin Dietz, das 1998 im MMV Medien & Medizin Verlag München erscheinen ist.) |
|
|
|
|